Und so beginnt der Roman:
Blick ins Dunkel
Wien, Oktober 1961.
Zu Hunderten sind sie in die Stadthalle gepilgert, um ihm zu huldigen. Er soll für sie lesen, sie erheitern und sie bewegen, im besten Fall auch dazu, über diese immer befremdlicher werdende Welt nachzudenken. Schließlich ist man ja nicht nur zum Vergnügen hier.
Er hatte sich auf vier Lesungen an vier Abenden in Folge eingelassen. Dabei war er schon nach dem ersten Auftritt so erschöpft, dass ihn beim Gedanken an den nächsten ein Gefühl der Beklemmung überfiel. Doch auch die zweite Lesung wurde zum Triumph. Während der dritten gab es manchmal Applaus inmitten seines Vortrags, sodass er aufs Neue ansetzen musste, was ihn aber keineswegs störte. Und jeder Abend war ausverkauft. Dagegen hat man nun mal kein vernünftiges Argument, auch nicht als prominenter Dichter.
Nun also das Finale. Er wird auch das überstehen.
Er lauert hinter dem Vorhang, den er ein wenig zur Seite schiebt, und sieht den einfachen Stuhl und den einfachen Tisch, die man ihm wieder auf die Bühne gestellt hat. Er wollte es so. Das Mikrofon ist auf ihn gerichtet wie ein Säbel. Auf hoher See hätte er dies als Schuldspruch zu werten, und mit diesem Urteil wäre er wohl einverstanden.
Bevor ihm der Blick wieder verschwimmt, wie so oft in den vergangenen Tagen, kneift er die Augen zusammen und versucht, Gesichter im Publikum zu erkennen. Er hofft auf einen hohen weiblichen Anteil. Doch das Scheinwerferlicht taucht den Zuschauerraum in ein diffuses Dunkel. Eigentlich sucht er vor allem nach einem bestimmten, dem geliebten Gesicht, doch Friedel ist auch heute nicht gekommen, natürlich nicht. Der Schluck aus dem schmalen Flakon, das er aus seiner Sakkotasche holt, betäubt die Enttäuschung für einen Moment.
Da überfällt ihn die nächste Attacke. Der Schmerz entflammt direkt unterhalb des Brustbeins und brennt sich dort so schneidend hinein, dass er sich krümmen muss – um sich doch gleich wieder aufzurichten, denn seine Not soll auch an diesem Abend niemand entdecken. Wie viele Tabletten sind es heute gewesen? Er weiß es nicht mehr. Sie helfen jedenfalls immer weniger gegen den verfluchten Schmerz im Bein und fügen ihm dafür einen weiteren im Magen zu. Das ist kein Leben, aber leben muss man ja, also hilft es nicht zu hadern und zu klagen oder gar sich zu offenbaren.
Man hat ihm eine Assistentin zur Seite gestellt. Sie ist so jung und so anmutig, dass ihm ganz flau wird, wenn er sie ansieht. Mit ihr hätte er gerne mehr ausgetauscht als freundliche Worte oder Überlegungen zum Auf- und Abtritt, zum Getränk, zur Art der Blumen oder der Beleuchtung. Ein Mädchen für alles und für alles doch nicht.
Die Assistentin tritt auf ihn zu, berührt ihn leicht an der Schulter und bedeutet ihm mit einem berückenden Lächeln, dass es an der Zeit sei.
So geht er hinaus in das Licht, das ihn auch heute wieder so sehr blendet, dass er den Blick senken muss.
Nachdem er unter großem Beifall Platz genommen und seine dunkelrandige Brille aufgesetzt hat, bemerkt er, dass seine Bücher noch in der Garderobe liegen. Er hat sie dort einfach vergessen. Für einen Moment rüttelt der Fluchtinstinkt an ihm. Doch da eilt schon die Assistentin herbei, legt sie ihm mit flinken Bewegungen auf den Tisch und ist gleich wieder hinter dem Vorhang verschwunden.
»Es war mir leider nicht möglich, die Texte bis heute Abend auswendig zu lernen«, kommentiert er die Szene für das Publikum und erntet das erste gut gelaunte Gelächter. »Das hat wohl auch meine freundliche Assistentin eingesehen«, schickt er hinterher.
Noch einmal wird gelacht, gefolgt von einem weiteren warmen Applaus, und als er das erste Buch aufschlägt und nach einem Räuspern zu seinem ersten Vortrag ansetzt, gerät er zusehends in einen wahren Leserausch. Vergessen ist bald jedweder Schmerz und die Angst vor weiteren Attacken. Vergessen ist für zwei Stunden auch die dumpfe Traurigkeit, die ihn schon lange begleitet, und sogar der quälende Gedanke, an anderen schuldig geworden zu sein. Er ist überrascht, wie sehr dieser Abend ihn beglückt, weil er die Liebe der Menschen spürt, zumindest die Liebe für seine Worte, vielleicht auch zu ihm selbst. Er vergisst darüber sogar zu rauchen.
So wünscht er, dieser Abend möge noch lange nicht enden.
Aber irgendwann endet er doch. Als der Schlussapplaus ertönt, erhebt der Umjubelte sich von seinem Stuhl, hält kurz inne, weil ihn ein jäher Schwindel überfällt, weiß dies jedoch mit einem Winken ins Publikum zu überspielen, während er die Stuhllehne kurz umklammert hält. Dann schreitet der König davon, zwar eher schlurfenden Schrittes, der verfluchte Ischias, doch das ihm überaus zugeneigte Volk wird stattdessen einen würdevollen Abgang erkannt haben wollen.
Auf dem Weg zu seiner Garderobe geht er durch ein Spalier aus Glückwunschbekundungen und Schulterklopfen. Dass er leicht schwankt, bemerkt man nicht. Der Gefeierte hingegen fühlt die nächste Attacke nahen. Entsetzlich langsam und doch unaufhaltsam kriecht sie in ihm herauf. Schnell schließt er die Garderobentür hinter sich, und als habe der Schmerzensteufel nur darauf gewartet, überfällt er den Geplagten mit Macht, sobald dieser in seinen Stuhl gestürzt ist. Das Brennen im Magen ist dieses Mal so unerhört, dass sich augenblicklich Dunkelheit vor ihm auftut. Als er zu Boden rutscht, reißt er das Deckchen auf dem Schminktisch mitsamt dem Blumenschmuck mit.
Als er in den weißen Laken eines Krankenhauses erwacht, blickt er in zwei Augen, die er sehr gut kennt, und in ein sehr vertrautes Gesicht. Er sieht den Versuch eines Lächelns darin und dann dessen klägliches Scheitern.
»Was machst du denn für Sachen«, sagt Lotte zu ihm.
»Ja, was mach ich denn für Sachen«, antwortet er, weil ihm nichts Geistvolleres einfällt, und schließt die Augen sogleich wieder, weil er nur noch schlafen will.
Endlich Ruhe.
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